Aus der Zeit Online (http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-01/Kolumbien)
Gelassen, geradezu unbeteiligt verfolgten die 17 Soldaten Ende
vergangener Woche die Verhandlung im Gerichtssaal: Sie wissen, viel
wird ihnen an diesem Tag nicht passieren, obwohl die Vorwürfe gegen die
Angehörigen der kolumbianischen Armee ungeheuerlich sind. Nach ein paar
Minuten verkündete der Richter seinen Spruch: Die des
gemeinschaftlichen und vorsätzlichen Mordes verdächtigten Männer können
das Gerichtsgebäude vorerst als freie Männer verlassen.
Der zugrunde liegende Vorfall, der Medien und Menschen in Kolumbien
beschäftigt und die Justiz erschütterte, ist der vorläufige Höhepunkt
einer an Menschenverachtung kaum zu überbietenden Geschichte: Drei
Jugendliche aus der bettelarmen Ortschaft Soacha unweit der Hauptstadt
Bogotá waren im August 2008 dem Angebot eines Unbekannten gefolgt, der
ihnen Arbeit in einem anderen Teil des Landes versprach.
Doch nur wenige Tage später wurden die drei ermordet in der
nordöstlichen Provinz Norte de Santander aufgefunden. Was die
Staatsanwaltschaft dann herausfand, sorgte in Kolumbien für ein
politisches Erdbeben: Die 17 verdächtigten Militärs sollen die drei
Ermordeten gemeinsam verschleppt, in eine Rebellenuniform gesteckt und
dann umgebracht haben. Ziel war es, sie anschließend als angebliche
Angehörige der marxistischen Rebellenorganisation Farc zu präsentieren.
Seit über 40 Jahren befindet sich der kolumbianische Staat im Krieg
mit der Farc, die ihren Kampf gegen die Armee mit der Erpressung von
Lösegeldern aus Entführungen und dem Drogenhandel finanziert. Erst vor
Kurzem entführten die Rebellen einen lokalen Gouverneur, um ihn
anschließend zu enthaupten. Beide Seiten gehen in dem Bürgerkrieg mit
äußerster Brutalität vor, ein Krieg, den Politiker wie Diplomaten gerne
als "bewaffneten Konflikt" verharmlosen. Nach Angaben von
Menschenrechtsorganisationen wurden Militärangehörige für im Kampf
getötete Rebellen mit Sonderprämien oder Urlaubstagen belohnt, so
belegen es zumindest Dokumente, die unlängst in die Hände von
Friedensaktivisten gelangten.
Diese Praxis führte in der Vergangenheit immer wieder zu
vermeintlichen Erfolgen der Armee, die unschuldige Zivilisten
hinrichtete, um die ausgelobten Prämien zu erhalten. Auf dem Höhepunkt
des Skandals der sogenannten "Falsos Positivos", der gefälschten
Beweise, mussten im vergangenen Jahr ranghohe Militärs ihren Hut
nehmen. Der Fall der 17 beschuldigten Soldaten avancierte in den
kolumbianischen Medien nun zum stellvertretenden Beispiel für die
Praxis der außergerichtlichen Hinrichtungen der kolumbianischen Armee.
Es ist bei Weitem nicht der einzige Fall und er kratzt gewaltig an dem
von Regierungsstellen so gerne zur Schau gestellten Heldenbild der
Armee.
Im Falle der entlassenen Militärs musste das zuständige Gericht nach
eigenen Angaben so entscheiden, nachdem die zulässige Höchstdauer für
die Untersuchungshaft abgelaufen war, ohne dass die Staatsanwaltschaft
es schaffte, einen Verhandlungstermin festzulegen. Eine Ohrfeige für
die Angehörigen der Opfer. Sogar Staatspräsident Alvaro Uribe hatte
sich am Montag persönlich eingeschaltet und ließ seinen Sprecher
verkünden, man respektiere selbstverständlich die Unabhängigkeit der
Justiz, aber dieses Urteil sei so nicht hinzunehmen.
Verteidigungsminister Gabriel Silva und der Oberbefehlshaber der Armee,
General Freddy Padilla de León, ahnten wohl schon am Wochenende, wie
groß die Entrüstung im Land sein würde, und beorderten die Verdächtigen
in einer Art Schutzhaft in eine Kaserne. In der Öffentlichkeit sollten
sie jedenfalls nicht mehr auftauchen. Die Angehörigen der Opfer waren entsetzt: "Ich bin sehr überrascht", sagte Luz Edilia Palacio der Tageszeitung El Espectador
nach Bekanntwerden der richterlichen Anordnung. Die Mutter eines der
ermordeten jungen Männer kündigte an, den Kampf für Gerechtigkeit nicht
aufzugeben: "Wir sind traurig, aber noch nicht besiegt."
Es habe bereits in der Vergangenheit zahlreiche Versuche gegeben,
die Angehörigen der Opfer daran zu hindern, an der Aufarbeitung das
Skandals teilzuhaben. Bei einer Anhörung der beschuldigten Soldaten
seien die Mütter abgewiesen worden. Das Vertrauen in die staatlichen
Institutionen und in die Armee habe sie inzwischen verloren: "Ich
vertraue dem Präsidenten nicht und ich vertraue der Armee nicht, weil
ich bislang nicht den Willen gesehen habe, das Verbrechen zu bestrafen."
Versprechungen der staatlichen Hilfsorganisation "Acción Social",
den betroffenen Familien zu helfen, seien bislang nur leere
Ankündigungen geblieben. Die Familien der Opfer hätten bis heute weder
finanzielle noch psychologische Hilfen seitens staatlicher Stellen
erhalten, zudem seien ihre Anwälte den Juristen des staatlichen
Apparats unterlegen. Trotzdem wollen die Mütter von Soacha nicht
aufgeben: "Eines Tages wird die ganze Wahrheit ans Licht kommen." |